Immer mehr Kind werden
Theresia geht den »Kleinen Weg« konsequent. Weil Gott so ist, deshalb ist ihr ganzes Bemühen einzig und allein darauf gerichtet, vor Gottes Größe selbst immer kleiner zu werden, das heißt: vor Gott immer mehr ein Kind zu werden.
Was aber bedeutet das? Als die Heilige danach gefragt wurde, antwortete sie:
Es heißt, sein Nichts anerkennen; gleich einem kleinen Kind alles von seinem Vater erwarten... Klein sein heißt aber auch, sich keineswegs jene Tugenden selbst zuschreiben, die man übt, und sich fähig halten, irgend etwas fertigzubringen...
Es bedeutet schließlich, sich niemals durch seine Fehler entmutigen zu lassen, denn Kinder fallen oft, aber sie sind zu klein, um sich dabei sehr weh zu tun. (DE 308 f./6.8.8.)
Sagen wir es mit eigenen Worten: Immer mehr Kind zu werden vor Gott bedeutet erstens: erkennen, wie sehr man in seine natürlichen Schranken eingebunden ist und wie wenig man seine eigenen Schatten, wie immer diese aussehen mögen, überspringen kann.
Es bedeutet zweitens: sich bewußt bleiben, dass man von sich selbst nichts, von der grenzenlose Liebe Gottes hingegen alles zu ewarten hat.
Es bedeutet schließlich: sich niemals durch seine Fehler entmutigen zu lassen. Letzteres empfiehlt in seiner Regel auch der heilige Benedikt, indem er sagt, wir sollten »an Gottes Barmherzigkeit nie verzweifeln«. (IV,74)
Rückhaltloses Vertrauen in das »Alles« Gottes
Von dieser Erkenntnis und diesem Willen bis in die Tiefe ihres Herzens durchdrungen, wirft Theresia ihr »Nichts« in rückhaltlosem Vertrauen hinein in das »Alles« der uferlosen Liebe ihres Gottes.
Was sie ihrer Cousine Marie Guérin in einem Brief schreibt, gilt unter abgewandelten Umständen uns allen:
Marie, wenn du nichts bist, darfst du nicht vergessen, dass Jesus alles ist. Deshalb musst du dein kleines Nichts in ein unendliches Alles hineinverlieren und noch an dieses einzig liebenswerte Alles denken... (LT 109/27.-29.7.90)
In diesem Vertrauen ging Theresia bis ans Ende. Das verdeutlichen folgende Worte:
Mein Weg ist ganz Vertrauen und Liebe. Ich verstehe die Menschen nicht, die Angst haben vor einem solch mitfühlenden Freund (LT 226/9.5.97) -
Das Vertrauen wirkt Wunder (LT 129/8.7.91) -
Auch wenn ich nur alle erdenklichen Verbrechen begangen hätte, ich verharrte doch immer im selben Vertrauen. Ich fühle, dass die Unmengen von Beleidigungen einem Wassertropen gleich wären, der in einen Glutofen fällt. (DE 254/11.7.6)
Man könnte fragen: Wie kommt die Heilige zu dieser Sicherheit? Lassen wir am besten Therese selbst die Antwort geben:
Gott hat mit Sicherheit alle erdenklichen Vollkommenheiten, aber, wenn ich so sagen darf, er hat zugleich eine große Schwäche: er ist blind! Und es gibt eine Wissenschaft, die er nicht kennt: Das ist das Rechnen...
Würde er genau sehen und könnte er rechnen, glauben Sie, dass er angesichts all unserer Schuld uns nicht ins Nichts zurückfallen ließe? Aber nein, seine Liebe zu uns macht ihn wrklich blind...
Um ihn aber so blind zu machen und ihn daran zu hindern, auch nur die kleinste Rechnung zu schreiben, muss man es verstehen, ihn beim Herzen zu nehmen. Dort ist seine schwache Stelle. (HA 1906, 269 f.; PO 435 f.)