Das Charakteristische am »Kleinen Weg«
Um das Besondere dieses Weges darzustellen, geht Theresia nicht von einem »Gottesbegriff« oder von der »Gottesidee« aus. Am Anfang ihres Weges steht vielmehr eine »Gotteserfahrung«.
Sagen wir es ganauer: Es sind in Wirklichkeit zwei an sich gegensätzliche Erfahrungen, die sie auf ihren Weg brachten. Diese Erfahrungen lassen sich in die Worte fassen: »Du trägst das All und denkst an mich!«
»Du trägst das All!«
Diese Überzeugung wurde durch ihr naturale Betrachtungsweise genährt. Aufgrund ihres tiefen Einfühlungsvermögens ht Theresia Gottes Gegenwart in der Natür erspürt:
Wenn ich Gott nicht sehe, strahlende Natur, dann hist du für mich nichts weiter als ein weiteres Grab. (PN 23,3)
Die Natur war für Theresia ein Abbild der Größe und Macht Gottes. Besonders die Berge und das Meer beeindruckte sie nachhaltig.
Bevor wir die 'Ewige Stadt', das Ziel unserer Pilgerfahrt, erreichen, durften wir noch viele Wunderwerke bestaunen. Da war zunächst die Schweiz mit ihren Bergen, deren Gipfel sich in den Wolken verlieren, ihre anmutigen Wasserfällen, die auf tausenderlei Weise herabstützen, ihren tiefen Tälern voll riesiger Farnkräuter und rosigem Heidekraut ...
Wie gut taten meiner Seele die Schönheiten der Natur, in solch verschwenderischer Fülle ausgebreitet! Wir wurde dadurch mein Herz zu dem emporgehoben, dem es gefiel, solche Meisterwerke über einen Ort der Verbannung auszuschütten...
Der Anblick all dieser Schönheiten regte meine Seele zu tiefen Gedanken an. Mit war, als begreife ich schon jetzt, wie groß Gott ist und wie wundervoll der Himmel...
Im Augenblick all der Größe und Macht werde ich meine unbedeutenden kleinen Angelegenheiten leicht vergessen, denn ihn allein will ich lieben. (MsA, 57v/58r)
Wie heilsam eine solche Betrachtungsweise ist, zeigt die Praxis von C.G. Jung, der bemüht war, den Interessenhorizont seiner Patienten zu erweitern. Auf diese Weise, so meinte er, würden ihre Probleme ihre Zudringlichkeit und Aufsässigkeit verlieren.
In gleicher Weise erlebte sie das Meer:
Nie werde ich den Eindruck vergessen, den das Meer auf mich machte. Ich konnte nicht anders, als es unaufhörlich anzuschauen. Seine Majestät, das Donnern seiner Wogen, alles sprach zu meiner Seele von der Größe und Macht Gottes. (MsA, 21v)
Diese Schilderung erinnert uns an den Philosophen Karl Jaspers. Kurz vor seinem Tod erklärte er in einem Radiointerview, seine Philosophie habe sich durch den Anblick des Meeres entwickelt.
Von solchen Eindrücken emporgehoben, lernte Theresia die bilischen Bilder verstehen:
Wer mißt das Meer mit hohler Hand... Seht, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer, sie gelten soviel wie ein Stäubchen auf der Waage. Ganze Inseln wiegen nicht mehr als ein Sandkorn. (Jes 40,12.15)
Tausend Jahre sind für dich wie ein Tag, der gestern vergangen ist. (Ps 90,4)
Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? (Ps 8,5)
Er ist ein Nichts, und dennoch wendest du ihm deine ganze Liebe zu. Das ist die Zusicherung, die uns die biblische Botschaft gibt. Nichts anderes als dies will und die Bibel verkünden. Und sie ruft uns auf, an diese Liebe, die man nicht verstehen kann, zu glauben.
»Du denkst an mich!«
Beim Evangelisten Johannes lesen wir das Wort: »Wir haben die Liebe erkannt und an die Liebe geglaubt, die Gott zu uns hat« (1 Joh 4,16). Diese Worte sind Ausdruck eines Trimphes. Wer ihre Aussagen vernimmt, der verspürt eine unbeschreibliche Siegesfreude.
Das Leben der Heiligen ist der lebendige Kommentar zu diesen Worten. Ihr ganzes Leben, ihre ganze Lehre sind Ausdruck dieses Glaubens. Der Glaube an die Liebe, die Gott zu uns hat, ist ihr tiefstes Geheimnis.
Dieser Glaube erklärt alles, und ohne ihn erklärt sich nichts. Ihr Leben ist daher das gelebte Evangelium. Sie hat Gott nie anders als »die Liebe« verstanden.
Hierbei ist jedoch hervorzuheben, dass Gottes Liebe nicht nur den Menschen im allgemeinen gilt. Sie gilt jedem einzelnen in seiner unwiderruflichen Einmaligkeit. Therese formiert sich so:
Wie die Sonne zugleich die Zeder bescheint und jede kleine Blume, als wäre sie nur auf der Erde, so wendet sich unser Herr jedem einzelnen so zu, als ob er seinesgleichen nicht hätte. (MsA, 3r)
Diesen Gedanken finden wir bei Kardinal John Henry Newman in seiner wohl schönsten und lebendigsten Entfaltung:
Gott sieht dich, wer du auch seist, so wie du bist, persönlich. Er 'ruft dich bei deinem Namen' (Jes 43,1). Er sieht dich und versteht dich, wie er dich schuf. Er weiß, was in dir ist, all dein eigenes besonderes Fühlen und Denken, deine Anlagen und Wünsche, deine Stärke und deine Schwäche.
Es sieht dich an deinem Tag der Freude und an deinem Tag der Trauer. Er fühlt mit deinen Hoffnungen und Prüfungen. Er nimmt Anteil an all deinen Ängsten und Erinnerungen, an allem Aufstieg und Abfall deines Geistes.
Er hat wahrhaft gezählt die Haare deines Hauptes und die Maße deiner Gestalt. Er umfängt dich rings und trägt dich in seinen Armen. Er hebt dich auf und setzt dich nieder. Er liest in deinen Zügen, ob sie lächeln und Tränen tragen, ob sie blühen in Gesundheit oder welken in Krankheit.
Er schaut zärtlich auf deine Hände und Füße. Er horcht deiner Stimme, dem Klopfen deines Herzens, selbst deinem Atem. Du liebst dich nicht mehr, als er dich liebt. Du kannst nicht mehr zurückschrecken vor Leid, als ihm leid ist, dass du es trägst. Und wenn er es dir auferlegt, so ist es, als legtest du selbst es dir auf - wenn du weise bist -, zu größerem Heil. (Christentum V, 13 f.)
»Du trägst das All und denkst an mich!« Die Erfahrung von Gottes unendlicher Größe, dazu das Erlebnis, von diesem Gott in seiner Nichtigkeit, mit seiner Nichtigkeit, ja wegen seiner Nichtigkeit unendlich geliebt zu sein, damit beginnt der »Kleine Weg«. Ohne dieses gläubige Bewußtsein könnte man ihn gar nicht gehen.